Einschätzungen der Gesamtsituation 1997 - 2009
Mitte der 1980er-Jahren traten in der Schweiz wieder rechtsextreme Gruppen auf, und Angriffe aus Asylbewerber und auf ihre Unterkünfte häuften sich. Doch viele EinwohnerInnen, insbesondere auch bürgerliche PolitikerInnen, wollten nicht wahrhaben, dass es in der Schweiz rassistische Tendenzen gibt. Die Chronologie „Rassismus in der Schweiz“, erstmals 1991 erschienen, entstand aus der Überzeugung, dass man dieser Ignoranz mit Dokumentation entgegen treten muss. In der Zwischenzeit hat sich die Art und Weise, wie und gegen wen sich Rassismus in der Schweiz äussert, mehrfach verändert.
Ende der 1980er-Jahre waren in erster Linie Asylbewerber - hauptsächlich Tamilen – bösen Worten und gewalttätigen Angriffen ausgesetzt, insbesondere auch durch Schüsse und Brandanschläge auf Asylbewerber-Unterkünfte. Die Boulevard-Zeitung Blick hatte die Stimmung seit Mitte der 80er-Jahre regelmässig mit einschlägigen Kampagnen angeheizt. Im Wahljahr 1991, das einen Vormarsch der rechtsbürgerlicher Parteien wie Autopartei (heute Freiheitspartei), der Schweizer Demokraten und der SVP brachte, zählte die Bundespolizei insgesamt 77 „Angriffe gegen Einrichtungen des Asylwesens“. Brandanschläge und Schüsse sind in den vergangenen Jahren markant zurückgegangen, auch die Angriffe auf die körperliche Integration haben abgenommen, angestiegen sind hingegen die öffentlichen Äusserungen rassistischer Vorstellungen (Verbaler Rassismus). Markant angestiegen sind von 1995 bis 2003 Einbürgerungsverweigerungen, aufgrund der Herkunft oder der Religion der GesuchsstellerInnen. Der Bundesgericht-Entscheid vom Juli 2003, wonach Einbürgerungsentscheide als Akt der Rechtsanwendung der verfassungsmässigen Begründungspflicht unterliegen würden und Urnenabstimmungen eine Begründung systembedingt nicht möglich sei, stiess auf den lärmigen Widerstand jener, die mit Rassismus Politik betreiben möchten, doch die Anzahl der Einbürgerungsverweigerungen, aufgrund der Herkunft oder de Religion, ist klein geworden.
Mehrmals geändert hat die bevorzugte Opfergruppe der Diskriminierungswilligen. Zuerst waren es – wie bereits erwähnt - Asylbewerber, insbesondere Tamilen. Nachdem der Bundesrat Anfang der 1990er-Jahre verschiedene Länder des ehemaligen Jugoslawien in den Kreis jener Gebiete stellte, denen der Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt nahezu unmöglich ist, waren „Jugos“, Kosova-Albaner, Albaner, generell „Menschen aus dem Balkan“ jene Opfergruppe, an denen die rassistische Abneigung vorwiegend festgemacht wurden. Sie sahen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien „kriminell“ oder „Sozialbetrüger“.
Die Diskussionen um die Nachrichtenlosen Vermögen und die 2.-Weltkrieg-Vergangenheit der Schweiz liessen dann Antisemiten wieder in der Öffentlichkeit auftreten. Der latente Antisemitismus ist in der Schweiz konstant vorhanden, und lässt sich sehr schnell aktivieren. In der beschränkten Öffentlichkeit rechtsextremistischer Foren und Schriften erscheinen auch regelmässig antisemitische Beiträge, ebenso wie holocaust-verharmlosende bzw. –leugnende Auslassungen. Die rechtsextreme Szene, die heute neben der Subkultur der Naziskinheads, politische Organisationen, kulturell-politische Vereinigungen und Holocaust-Leugner umfasst, hat sich seit 1992 gefestigt. Die Zahl der rechtsextremen Aufmärsche und Anlässe ist seit Jahren verhältnismässig hoch.
Seit den Angriffen auf das New Yorker World Trade Center (11. September 2001) sind Muslime - auch in der Schweiz – die Zielscheibe diskriminierender Attacken. Die Hauptakteure der antimuslimischen Kampagnen stammen aus dem national-konservativen Lager, es sind häufig SVP-Politiker, aber auch Vertreter freikirchlicher christlicher Fundamentalisten, politisch organisiert in der EDU. Die Minarettverbotsinitiative ist der bisherige Höhepunkt dieser Kampagnen, die Initianten behaupten unter anderem, Minarette seien „Symbole eines religiös-politischen Machtanspruches“ und die Schweiz sei von einer „Islamisierung“ bedroht.
Unabhängig von den Wellen gibt es auch Konstanten: Stetig diskriminierenden Behandlung sind Personen schwarzer Hautfarbe ausgesetzt, insbesondere junge Männer und dies unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Diese Vorfälle werden in der Öffentlichkeit nur selten thematisiert. Konstant auch: Trotz vielen Beteuerungen haben Fahrende, insbesondere aber Roma ohne Schweizer Pass, immer noch Mühe, Durchgangs- oder allenfalls Standplätze zu finden, selten, aber über die Jahre konstant, sind Wohnwagen auch Ziel gewalttätiger Angriffe.

