Einschätzung: Rassismus in der Schweiz 2016

Zürich, 01. Februar 2016

Die Schweiz – ein Paradies für Neonazis?

 

Die andauernden Migrationsbewegungen nach Europa und Terrorbedrohungen beeinflussen weiterhin die öffentliche Debatte in der Schweiz. 2016 dominierten Stichworte wie «Überfremdungspolitik», «Flüchtlinge/Asylsuchende», «Muslime/Islamisten», «Burka/Burkaverbot» sowie «Neonazis» und «Rechtsradikalismus» die Debatte in den Medien.

Seit 40 Jahren gibt das Sorgenbarometer der Credit Suisse (CS) Auskunft über die Stimmungslage der Schweiz. 2016 war das Jubiläumsjahr des Barometers und es wurden insgesamt 1010 Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu ihrer Befindlichkeit befragt. «Die Hauptsorgen erscheinen weniger bedrohlich als auch schon, die Schweizerinnen und Schweizer sind optimistisch», schreibt die CS. Nach wie vor seien es aber die Themen Arbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit sowie Ausländer und Flüchtlinge, welche der Bevölkerung am meisten Sorgen bereiten würden.

Die Angst vor dem Fremden bleibt also bestehen und fremdenfeindliche Ressentiments sind weiterhin latent vorhanden, wie auch im letzten Jahr unzählige Kommentare und Posts auf sozialen Medien und zu Online-Zeitungsartikeln zeigten. Trigger waren dabei Terrorattacken (beispielsweise in Nizza und Berlin) und die anhaltende Flüchtlingsproblematik in Europa. Auch die Debatte um die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative sorgte für viel Zünd- und Gesprächsstoff.

Die Chronologie der rassistischen Vorfälle, welche die GRA zusammen mit der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) herausgibt, wies 2016 gleich viele Vorfälle auf wie 2015.

Es muss darauf hingewiesen werden, dass diese Zahl insofern repräsentativ ist, als die Chronologie Vorfälle erfasst, die in den Medien publiziert wurden. Es handelt sich also um ein Medien-Monitoring, mit welchem sich zwar die generelle Stimmung in der Schweiz erfassen lässt, welches aber keinen Anspruch auf statistische Vollständigkeit hat.

Die Dunkelziffer in Zusammenhang mit rassistischen Vorfällen war denn auch 2016 hoch. GRA und GMS erhielten beispielsweise fast täglich Nachrichten von Opfern rassistischer Vorfälle oder Hinweise auf fremdenfeindliche Verstösse. Diese betrafen häufig das Internet und/oder soziale Medien und wurden deshalb nicht in der Chronologie erfasst.

Vorfälle, welche in den Medien keine Beachtung finden, werden auch durch das «Beratungsnetz für Rassismusopfer» – koordiniert von humanrights.ch/MERS und der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) – jährlich in einem Bericht zu rassistischen Vorfällen aus der Beratungspraxis publiziert. In diesen Berichten werden Fallgeschichten ausgewertet, welche von den angeschlossenen Beratungsstellen in einer gemeinsamen Datenbank anonymisiert erfasst wurden. Zudem publiziert die EKR jeweils im Frühsommer ihren Jahresbericht, in dem internationale und nationale Urteile und Entscheide zu rassistischer Diskriminierung in den verschiedenen Lebensbereichen dargelegt werden.

 

 

Rechtsradikalismus

Im Oktober 2016 trafen sich über 5000 Neonazis aus ganz Europa in Unterwasser im Kanton St. Gallen zu einem Konzert. Es folgte ein Aufschrei der Empörung, die rechtsextreme Szene in der Schweiz steht seither wieder vermehrt im Fokus der Berichterstattung. Die Partei National Orientierter Schweiz, kurz PNOS, versucht zudem, von der aktuellen Stimmung zu profitieren: In den letzten Monaten organisierte sie gemeinsam mit in- und ausländischen Vertretern der Neonazi-Szene weitere Treffen und versuchte dadurch, die Schweiz als «Paradies für Neonazis» darzustellen und zu missbrauchen. Sie lieferte sich dabei immer wieder ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.

Nach dem Neonazi-Konzert in Unterwasser reichte die GRA Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in St. Gallen ein. Es sollte abgeklärt werden, ob es an diesem Konzert, etwa durch die Veranstalter oder die auftretenden Bands, zu Verstössen gegen Art. 261bis StGB gekommen ist.

Auch sollte eine Debatte ausgelöst und die Schweizer Behörden für das Thema Rechtsradikalismus sensibilisiert werden. Die involvierten politischen Entscheidungsträger (z.B. kantonale Sicherheits- und Justizdepartemente) sollen bereits im Vorfeld solcher Veranstaltungen die eingereichten Gesuche kritisch prüfen und mit den zuständigen kantonalen und eidgenössischen Behörden zusammenarbeiten, um von der Art und dem Ausmass solcher Anlässe künftig nicht wieder «völlig überrumpelt» zu werden – wie etwa im Nachgang zu Unterwasser von den St. Galler Behörden zu vernehmen war.

Aufgrund der Aktualität publizieren die GRA/GMS in diesem Jahr einen Fokusartikel zum Thema «Rechtsradikalismus in der Schweiz»: Fabian Eberhard, Journalist bei der «SonntagsZeitung» und Extremismus-Experte, beleuchtet darin die rechtsradikale Szene in der Schweiz, wie sie sich zurzeit präsentiert. (Fokusbericht: Rechtsextremismus in der Schweiz)

Antisemitismus

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG, der antisemitische Vorfälle sammelt, verzeichnete 2016 in der Deutschschweiz 24 Zwischenfälle, wobei antisemitische Äusserungen im Internet nicht miteingeschlossen wurden. Gravierend waren dabei eine Morddrohung, eine versuchte Erpressung sowie zwei Tätlichkeiten. Der ganze Bericht befindet sich unter www.antisemitismus.ch.

 

Islamophobie

Die Medien berichteten auch im letzten Jahr über diverse Zwischenfälle, bei denen Muslime in der Schweiz diskriminiert und beschimpft wurden und über antimuslimische Hetze oder Hetze gegenüber Asylsuchenden und Flüchtlingen im Allgemeinen.

Auch die Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) berichtet, dass die Anzahl anti-muslimischer Zwischenfälle 2016 erneut zugenommen habe; dies, nachdem bereits 2015 die Zahl gemeldeter Zwischenfälle gegenüber dem Vorjahr gestiegen war.

Die VIOZ berichtet zudem, dass Muslime in der Schweiz besonders in folgenden Bereichen Diskriminierung und Rassismus spürten: in der Öffentlichkeit (z. B. Gewalt gegen Kopftuch tragende Frauen), bei der Wohnungssuche (in einem publizierten Fall wurde bereits im Inserat geschrieben, dass «Muslime unerwünscht» seien), bei der Stellensuche oder bei der Suche nach Moscheeräumlichkeiten. Auch das Vorenthalten von Grabfeldern wird genannt. (Die GMS hat zu diesem Thema 2014 eine Informationsbroschüre verfasst mit Fakten, Argumenten und Ansichten sowie den rechtlichen Grundlagen: http://gms-minderheiten.ch/projekte/muslimische-grabfelder/broschuere.)

Zudem erhalten islamische Organisationen in der Schweiz fast täglich Droh- und Hassbriefe und haben deshalb letztes Jahr diverse Anzeigen eingereicht.

Muslimische Organisationen beschreiben die Stimmung gegenüber Muslimen hierzulande als noch aggressiver und ablehnender als in den Jahren zuvor.

Die Debatte um ein landesweites Burka-Verbot ging auch 2016 weiter, und es werden weiterhin Unterschriften für eine entsprechende Initiative gesammelt. Das Tessin hat als erster Kanton am 1. Juli vergangenen Jahres das Verhüllen des Gesichts auf öffentlichem Grund verboten. Die Burka-Plakate der SVP, die zuletzt in Zusammenhang mit der Abstimmung über eine erleichterte Einbürgerung der 3. Generation aufgetaucht sind, schüren weiter die Ängste und Vorurteile der Bevölkerung.

 

Dschihadismus

Wie der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) schreibt, hat sich «die Bedrohung durch den dschihadistischen Terrorismus in den vergangenen Monaten weiter verschärft. Dies hängt hauptsächlich damit zusammen, dass der ‹Islamische Staat› Personen nach Europa schickt, die mit der Planung und Ausführung von terroristischen Anschlägen beauftragt wurden.» Gleichzeitig stieg die Zahl der Einreisesperren wegen Dschihadismus. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) verfügte 2016 von Anfang Januar bis Ende Oktober 26 Sperren gegen Dschihadisten, wie Medien berichteten. Im Vorjahr waren es demnach 17 und in den drei Jahren davor insgesamt 13 Einreisesperren gewesen. Das Fedpol verhängt die Sperren jeweils in Absprache mit dem NDB «zur Wahrung der inneren oder äusseren Sicherheit».

Wie Experten ausserdem schreiben, wurde in den letzten Jahren auch innerhalb der Schweiz ein Anstieg von Leuten beobachtet, die sich radikalisieren. Zuletzt geriet die Winterthurer AN-Nur-Moschee diesbezüglich in die Schlagzeilen.

Der NDB schreibt in seinem Lagebericht 2016, dass «radikalisierte gewaltbereite Personen auch in der Schweiz zur Tat schreiten oder die Schweiz missbrauchen könnten, um von hier aus dschihadistisch motivierte Anschläge in anderen Staaten vorzubereiten».

 

Antiziganismus

2016 weist die Chronologie 4 Einträge auf, die Fahrende in der Schweiz betreffen. In einem Fall wurden Schweizer Fahrende von Gemeindevertretern von einem Standplatz in Waldkirch (SG) weggejagt, obwohl sie einen gültigen Vertrag mit dem dortigen Landwirt hatten und die entsprechenden Auflagen einhielten. In einem anderen Fall hat die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) Ende Juni Strafanzeige gegen einen Lysser SVP-Gemeinderat eingereicht, der sich verächtlich über Jenische, Sinti und Roma geäussert hatte. Weiter prüfte die GfbV auch gegen einen grünliberalen Bieler Stadtrat, der behauptete, dass Roma «kein normales Volk» seien, rechtliche Schritte.

2016 gab es in den Medien zahlreiche Berichte über fehlende Standplätze für Jenische und Sinti. Die Kantone tun sich weiterhin schwer damit, genügend Standplätze zur Verfügung zu stellen, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet wären. Immer wieder lehnen Stimmbürger vorgeschlagene Orte mit diversen Argumenten ab.

Es gab allerdings auch eine positive Nachricht zu verzeichnen: Erstmals hat der Bundesrat Jenische, Sinti und Roma offiziell als Teil der schweizerischen kulturellen Vielfalt anerkannt. Zudem hat er Ende Dezember den Entwurf des Aktionsplans «zur Verbesserung der Bedingungen für die fahrende Lebensweise und zur Förderung der Kultur von Jenischen, Sinti und Roma» veröffentlicht. Damit sollen insbesondere Verbesserungsvorschläge in Zusammenhang mit Standplätzen für Fahrende, Bildung und Kultur gemacht werden.

Racial Profiling

2016 war in den Medien vermehrt von «Racial Profiling» die Rede. Der Begriff stammt aus den USA und bezeichnet ein auf äusserlichen Merkmalen und Stereotypen basierendes Agieren von Behörden, oftmals von der Polizei. Anhand von Kriterien wie ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe oder Religion und nicht aufgrund konkreter Verdachtsmomente wird eine Person als verdächtig eingeschätzt, festgehalten oder untersucht.

Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Demoscope führte 2016 im Auftrag der Stadtpolizei Zürich eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zum Thema subjektives Sicherheitsgefühl der Stadtbevölkerung durch. Trotz der grundsätzlich positiven Stimmen der Bevölkerung gegenüber der Stadtpolizei gab dennoch rund ein Drittel der Befragten an, die Stadtpolizei behandle nicht alle Menschen gleich. Das gelte, so die Befragten, insbesondere für dunkelhäutige oder ausländisch aussehende Menschen.

Die Chronologie verzeichnete 2016 allerdings keinen Fall von «Racial Profiling», da hier die Dunkelziffer sehr hoch sein dürfte und sich Betroffene nicht an die Medien wenden. Ein Fall, der 2016 an die Medien kam, liegt bereits sieben Jahre zurück, wurde aber erst Ende 2016 vor Gericht verhandelt. Ein dunkelhäutiger Mann verweigerte sich in Zürich in einem Tram einer Ausweiskontrolle. Daraufhin artete die Situation mit Schlägen seitens der Polizisten aus, wie die Staatsanwaltschaft schrieb. Der Mann erstattete damals Anzeige. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Verfahren aber zweimal ein. Die Polizisten hätten übereinstimmend rapportiert, die Aggressionen seien vom Kläger ausgegangen. Die eingesetzten Mittel seien angemessen gewesen. Der Mann zog den Fall bis vor Bundesgericht. Dieses entschied, es sei nicht sicher, ob die Polizisten unschuldig seien, weshalb der Fall im November 2016 vor dem Zürcher Bezirksgericht verhandelt wurde.

 

Rassismusprävention an Schulen

Wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass Rassismusprävention bei Kindern eine erfolgreiche Massnahme darstellt, um Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus langfristig zu bekämpfen. Die GRA hat, zusammen mit dem Marie Meierhofer Institut für das Kind, bereits vor ein paar Jahren ein Projekt zur Rassismusprävention im Vorschulalter initiiert. Konkret wird in vorschulischen Einrichtungen eine sogenannte «Vielfaltbox» zum Einsatz kommen, mit welcher schon bei kleinen Kindern Toleranz gefördert werden soll (http://gra.ch/bildung/fruehkindliche-bildung).

Zudem hat die GRA das sogenannte E-Learning Tool entwickelt: Mit diesem interaktiven Online-Kurs wird auf moderne und für Jugendliche interessante Art Wissen über historisch belastete und vermeintlich belastete Begriffe vermittelt (http://gra.ch/bildung/e-learning-tool). Das E-Learning Tool basiert auf dem «GRA-Glossar historisch belasteter Begriffe», welches seit 2010 auf der GRA-Website aufgeschaltet ist und nach aktuellem Geschehen mit neuen Begriffen ergänzt wird (http://gra.ch/bildung/gra-glossar/begriffe). Hauptzielgruppe des E-Learning Tools sind Lernende der Sek-II-Stufe (14–16 Jahre).

Im Juni 2016 publizierte die EKR ihr Bulletin «Tangram» (Nr. 37) zum Thema Rassismusprävention in den Schweizer Schulen. Die EKR machte eine Bestandsaufnahme der antirassistischen Pädagogik in der Schweiz und stellte dabei nebst Erfreulichem auch fest, dass es «noch viel zu tun gibt und dass es für die Bekämpfung des Rassismus einen starken Willen braucht, in der Politik, in den Institutionen und in der Schule».

Gemäss «Tangram» weist die Schweiz im Vergleich zu den Ländern der Europäischen Union bei der Rassismusprävention an Schulen einen Rückstand auf. Wie mehrere Autoren im EKR-Bulletin festhalten, tut sich die Schweiz schwer damit, die antirassistische Erziehung nachhaltig und offiziell in den Lehrplänen der obligatorischen Schule zu verankern.

Ausserdem ermöglichen die Ausbildungsgänge der Lehrpersonen zwar die Thematisierung von Rassismus, dies aber nur im grösseren Kontext der kulturellen Vielfalt und Toleranz und ohne direkte Konfrontation oder kritische Auseinandersetzung mit den Aspekten der Ablehnung und der rassistischen Verhaltensweisen. Bei der Ausbildung der künftigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter hebt sich die Hochschule Luzern ab. Sie bietet ab Herbst 2016 das Modul «Ausgrenzung, Rassismus und Rechtsextremismus» in ihrem Studienplan an.

Städte und Gemeinden müssen an ihren Schulen die Aufnahme einer steigenden Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund bewältigen. Rassismusbekämpfung in den Schulen ist daher heute nötiger denn je. Die GRA ist deshalb weiterhin darum bemüht, Projekte zu unterstützen, welche die Rassismusprävention langfristig fördern.

 

GRA/GMS, März 2017

Fokusbericht: Rechtsextremismus in der Schweiz

Zürich, 01. Januar 2016

Rechtsextremismus in der Schweiz

Nach dem Grossaufmarsch von Rechtsextremen aus ganz Europa vergangenen Oktober im Kanton St. Gallen fragten sich viele zu Recht, ob die Neonazi-Szene gerade neuen Auftrieb erhält. Doch Rechtsextremismus-Experte Fabian Eberhard gibt Entwarnung: Rechtsextreme Strukturen gewinnen in der Schweiz weder an Zulauf, noch sind sie für Junge attraktiver geworden.

 

Von Fabian Eberhard

 

Am Morgen danach bejubelten die Neonazis ihren Grossaufmarsch auf Facebook: «Ich bin stolz und ergriffen, dass diese Veranstaltung bei uns in der Schweiz stattgefunden hat», schrieb ein User. Ein anderer: «Endlich legal abhitlern.»

 

Wenige Stunden zuvor, am Abend des 15. Oktobers 2016, hatten sich im Kanton St. Gallen mehr als 5000 Rechtsextreme getroffen. In der Tennis- und Eventhalle von Unterwasser feierten sie ein «Rocktoberfest» mit europaweit bekannten Szene-Bands wie Stahlgewitter und Frontalkraft aus Deutschland sowie Amok aus dem Zürcher Oberland.

 

Die Extremisten hatten alle getäuscht. Die Gemeinde, die von einem Nachwuchskonzert mit Schweizer Bands ausging. Die Sicherheitsbehörden, die den Neonazi-Event in Süddeutschland vermuteten, und den Hallenvermieter, der mit nur 600 Besuchern rechnete.

 

Der Anlass alarmierte Sicherheitsbehörden und Politiker. Und er warf Fragen auf: Wird die Gefahr vom rechten Rand unterschätzt? Und sind wir in der Schweiz konfrontiert mit einer erstarkenden Szene? Klar ist: Das Konzert von Unterwasser ist eine neue Dimension. In den letzten Jahren gab es hierzulande keinen vergleichbaren Aufmarsch von Rechtsextremen. Einschlägige Konzerte und Kundgebungen vermochten selten mehr als hundert Teilnehmer zu mobilisieren.

 

Trotzdem darf der Erfolg der Veranstalter von Unterwasser nicht überinterpretiert werden. Ein Grossteil der Besucher reiste aus dem Ausland an. Rechtsextreme Strukturen gewinnen in der Schweiz weder an Zulauf, noch sind sie für Junge attraktiver geworden. Einzig im Tessin und in der Romandie ist es im Jahr 2016 einzelnen Gruppierungen gelungen, vereinzelt neue Mitglieder zu rekrutieren. Grundsätzlich hat sich das Personenpotenzial aber nicht verändert. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) schätzt die Anzahl gewaltbereiter Rechtsextremer auf rund 1000 Personen. Ein Viertel davon ist nicht nur gewaltbereit, sondern auch gewalttätig. Einzelne trainieren den Umgang mit Waffen. Laut NDB werden Schusswaffen gesammelt, gehandelt und «gegebenenfalls auch eingesetzt».

 

Die Mehrheit der Rechtsextremen in der Schweiz stammt aus ländlichen Gebieten, vorwiegend aus den Kantonen Genf, Bern, Zürich, St. Gallen und Aargau. Als schlagkräftigste Organisationen treten seit Jahren Blood & Honour und die Schweizer Hammerskins in Erscheinung. Auch die Hintermänner des Konzertes in Unterwasser bewegen sich in deren Umfeld. In beiden Gruppierungen dominieren allerdings Aktivisten mittleren Alters – der Nachwuchs fehlt praktisch gänzlich. Zudem schaffen sie es nicht, Anhänger überregional zu bündeln.

 

Obwohl die rechtsextreme Szene in der Schweiz nicht gewachsen ist, so fällt doch auf, dass die bestehenden Gruppierungen 2016 aktiver waren als in den Vorjahren und in der Öffentlichkeit gefestigter auftraten. Vor allem die schweizweit agierende, völkisch-nationalistische Partei National Orientierter Schweizer (PNOS) war in den Medien deutlich präsenter. Sie organisierte mehrere Treffen und Konzerte – wenn auch mit mässigem Erfolg. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Veranstalter von Musikevents es momentan nicht schaffen, das subkulturell geprägte rechtsextremistische Spektrum über eine Teilnahme an Konzerten hinaus für weitergehende politische Aktivitäten zu motivieren. So misslangen im letzten Jahr mehrere Versuche, Aktivisten für Kundgebungen gegen den Islam zu mobilisieren. Auch der Aufbau von neuen PNOS-Sektionen in der Ostschweiz schlug grösstenteils fehl. Genauso wie ein heimliches Projekt von Neonazis aus mehreren Kantonen, die einen überregionalen «nationalen Widerstand» aufbauen wollten. Das Vorhaben kam nie über die Planungsphase hinaus.

 

Neben den militanten Hammerskins, dem Blood & Honour-Netzwerk und der mehrheitlich im Kanton Bern verankerten PNOS sind in der Deutschschweiz mehrere kleinere Splittergruppen aktiv. Diese bestehen aber nur aus einer Handvoll Aktivisten, sind geprägt durch eine hohe Fluktuation und zerfallen oft schnell wieder. Im März 2016 machte etwa die Nationale Aktionsfront mit Plakaten gegen eine geplante Asylunterkunft im Wallis auf sich aufmerksam. Oder die völkisch-heidnische Avalon-Gemeinschaft mit verschiedenen Vortragsveranstaltungen im kleinen Kreis. Die Mitglieder dieser Mini-Gruppen überschneiden sich teils mit denen anderer Organisationen.

 

Ein eher neues Phänomen ist, dass rechtsextreme Facebook-Gruppen teils regen Zuspruch erhalten. Ein Beispiel sind hier die Helvetic Brothers mit knapp 15 000 Likes. Deren Online-Hetze gegen Muslime spricht offenbar auch Leute aus der Mitte der Gesellschaft an. Allerdings wagen nur vereinzelte Anhänger solcher Gruppen auch den Schritt aus der virtuellen Welt. An ersten Treffen und Flugblattaktionen der Helvetic Brothers im 2016 nahmen nur wenige dutzend Leute teil.

 

Während islamistisch motivierte Terroranschläge und die angespannte Lage im Migrationsbereich rechtsextremen Kreisen im benachbarten Ausland Auftrieb verleihen, schaffen es Schweizer Gruppierungen nicht, davon zu profitieren. Zwar verlagern auch sie ihre politischen Inhalte zunehmend weg von traditionellen Themen wie Antisemitismus hin zur Islamophobie und Asylkritik, bleiben damit aber weitgehend erfolglos. Wohl auch deshalb, weil sich die SVP als grösste Schweizer Partei und gesellschaftlich akzeptierte Kraft seit Jahren nicht davor scheut, Versatzstücke der fremdenfeindlichen Rhetorik zu übernehmen und so auch potenzielle Extremisten am rechten Rand anzusprechen.

 

Militante Übergriffe von Rechtsextremen bleiben Einzelfälle. Trotzdem kann die rechte Gewalt punktuell gefährlich werden, Anschläge einzelner Neonazis sind immer möglich. Unterwasser hat zudem gezeigt, dass die Szene fähig ist, internationale Feiern an den Behörden vorbei zu organisieren. Wenn auch mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Ausland.

 

Die Wirkung solcher Events sollte nicht unterschätzt werden. Zum einen fliesst der Erlös (in Unterwasser kamen über 150 000 Franken zusammen) in gewalttätige Strukturen im In- und Ausland. Zum anderen fühlen sich die Extremisten bei erfolgreicher Durchführung in ihrem Gedankengut bestärkt. Anlässe dieser Grösse, die ohne Konsequenzen bleiben, verleihen der Szene eine falsche Legitimität. Am Tag nach dem Konzert in Unterwasser schrieb ein Rechtsextremist auf einem Blog: «Was muss es für ein erhabenes Gefühl gewesen sein, zu sehen, wenn 5000 Kameraden den Liedtext von ‹Sieg› mit dem strammen Recken des Armes zu Ende führen.»

 

Fabian Eberhard, 33, ist Recherche-Journalist bei der «SonntagsZeitung» und profunder Kenner der rechtsextremen Szene in der Schweiz.

21. März 2017

 

(Total 2 Vorfälle)